Hörbar lesen

 

Erst durch den Klang der Stimme wird das Geschriebene, was vor uns liegt, zum lebendigen Wort. Wir sollten also, gerade wenn wir alleine sind, hörbar lesen.

Durch das hörbare Lesen nehmen wir Texte doppelt wahr. Wir erfassen mit den Augen und unserem Verstand den Sinnzusammenhang der Schriftzeichen, die wir da sehen.

Über das Gehör, das immer auch unser Gemüt anspricht, kommt das Gelesene zu uns zurück und prägt sich so in uns „inwendig“ ein.

Wenn wir biblisches Wort laut lesen, treten wir ein in eine uralte Mönchstradition, die die Vorläuferin der Gregorianik war. Der Mönch, der allein in seiner Zelle über Gottes Wort meditierte und es studierte, tat dies, indem er es hörbar las und es so „inwendig“ und „auswendig“ lernte.

Die Gregorianik entstand in diesem Zusammenhang. Sie sollte das hörbare Lesen in der Gemeinschaft in verständlicher einheitlicher Weise ermöglichen, ohne dass die Schönheit und Kraft des Bibelwortes verloren ging.

Durch das hörbare Lesen biblischer Texte geben wir dem Wort Gottes Stimme, Klang und Raum, uns und evtl. auch andere anzusprechen, lebendig anzusprechen. Darauf ist dieses Wort Gottes, das dort in der Bibel steht, angewiesen. Ja, es lebt davon, dass wir ihm unsere Stimme leihen.

Wenn uns dies beim Lesen bewusst ist, werden wir behutsamer mit den einzelnen Worten umgehen. Es ist nicht wichtig, dass wir dem einzelnen Wort oder bestimmten Silben, die wir gerade für wichtig erachten eine übertriebene Betonung zukommen lassen, um sie hervor zu heben. Es wäre angemessener, wenn wir dem Wort, das wir da aussprechen, die Zeit, den Raum, seinen Rhythmus und seine Sprachmelodie zugestehen, die es verdient. So werden wir uns an der Schönheit unserer Sprache erfreuen können und zugleich ein Gespür für die Stärke bestimmter Worte bekommen.

Beim hörbaren Lesen ist es nicht notwendig, das wir alles glauben, vertreten oder gar bis ins letzte Detail verstehen, was wir da lesen. Hätten wir diesen Anspruch, würde der Großteil der Bibel nie zu Gehör gebracht. Ganz im Gegenteil, wenn wir hörbar Bibelwort lesen, was ja nicht unser eigenes Wort ist, können wir unglaubliche Dinge in den Mund nehmen und uns vorsichtig einhören in das, was Gottes Verheißung an uns ist. Es ist dann so, wie wenn jemand, der größer ist als wir, uns seinen Mantel leiht, der uns zwar nicht passt aber wunderbar wärmt.

© Barbara Groote